Arbeitsalltag mit Kindern

Akzeptanz und Aushandeln von (weit weniger) Arbeit

Vater, 1 Kind, Qualifizierungsphase, Eltern arbeiten 100% und 80%

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Vor meinem Kind habe ich gerne und viel gearbeitet. Gerade morgens zwischen 7 und 10 Uhr war ich sehr produktiv. Ich konnte langsam in den Tag starten, dann gemächlich zur Arbeit radeln und dann vor Eintreffen der meisten Kolleg:innen im Büro so einiges erledigen, wofür ich maximale Konzentration brauchte. Eine lange Mittagspause hat dann meine Akkus wieder aufgeladen und mich zumindest bis 18 Uhr am Ball gehalten; klar, nicht so produktiv wie morgens, aber gerade Sachen, die man “wegarbeiten” kann, waren in diesen Stunden ein willkommener Abschluss. Abends arbeiten kam für mich nicht in Frage. Meine Frau hatte einen ähnlichen Rhythmus und wir haben die Abende für Zweisamkeit genutzt oder uns mit Freund:innen getroffen. An Wochenenden hatte ich durchaus oft Lust, beim Joggen über diffizile Probleme nachzudenken oder doch noch eine explorative Analyse zu machen, die mir eingefallen ist.

Seit Ende meiner Elternzeit sieht es anders aus: Morgens entspannt in den Tag starten und dann Aufgaben bearbeiten, die hohe Konzentration benötigen? Meistens bin ich eher gestresst von der “Ersten Schicht” mit dem Kind vor der Arbeit inkl. gibt-es-heute-Eis Frühstück machen, Das-will-ich-nicht Anziehen Streits und 30 minütigem Mehr-Runden Zähneputzen durch die ganze Wohnung. Lange Mittagspause, um die Akkus aufzuladen? Besser nicht, denn das kostet zu viel Zeit. Am späten Nachmittag was “wegarbeiten”? Daraus wird nichts, denn ich muss 15.30 Uhr los zur Kita. Am Wochenende beim Joggen über was nachdenken und Analysen rechnen? Nicht wenn ich auch Zeit mit meinem Kind will. Und all das setzt voraus, dass das Kind nicht krank ist, meine Frau nicht beruflich herumreist oder die Schließzeiten der Kita “ausnahmsweise” mal kürzer sind.

Damit musste ich irgendwie umgehen. Zunächst dachte ich, ich könnte einfach abends/nachts weiterarbeiten. Aber wenn ich im schlimmsten Fall 21.30 Uhr aus dem Kinderzimmer komme, dann geht bei mir einfach nichts mehr. Die Abend-/Nachtarbeit hat mich eher kaputt gemacht. Morgens 4.30 Uhr aufstehen, um vor dem Kind was zu machen? Das packe ich einfach nicht. Bei der Arbeit einfach oft mal alle fünfe gerade sein lassen? Das wollte ich einfach nicht.

Für mich blieben nur zwei Einsichten: Erstens habe ich nach intensiver Auseinandersetzung und vielen verständnisvollen Gesprächen mit meiner Frau einfach akzeptiert, dass ich nicht mehr so viel und genauso arbeiten kann wie früher. So ist das halt. Mache ich alles so gewissenhaft wie vorher, schaffe ich in weniger Zeit eben weniger. Simple Mathematik. Schlimm finde ich das nicht (mehr). Zweitens verhandeln meine Frau und ich gezielt, wie wir eine Woche einteilen, um uns beiden, unserem Kind und der Arbeit so gut es geht gerecht zu werden. Leicht ist das nicht. Ein gemeinsamer Kalender und eine Planung mit etwas Weitblick sind Gold wert für uns, auch wenn meine Frau da wirklich die aktivere und konstruktivere Kraft ist. Diese offene Aushandlung mit meiner Frau und unsere gegenseitige Unterstützung sind sicherlich die entscheidenden Faktoren, um unseren Arbeitsalltag mit Kind überhaupt sinnvoll zu gestalten.

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