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Fluch und Segen

Vater, 1 Kind, >50% der Arbeitszeit im Homeoffice

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Ich finde, dass die Flexibilität der Arbeit in der Wissenschaft ein zentraler Grund ist, warum der Job bei allen offensichtlichen Problemen auch richtig vorteilhaft ist. Und der Umstand, im Home Office arbeiten zu können, zählt dazu. Ich bin Pendler und könnte mein Kind nicht ohne weiteres von der Kita abholen – sei es zum geregelten Termin oder im Falle von Krankheit – wenn ich bei der Arbeit wäre. Und meine Frau hat keinen Job mit solcher Flexibilität, wodurch ich ehrlich gesagt gar nicht weiß, wie wir das alles machen würden, wenn ich einen klassischen 9-to-5 Job hätte. Dass mir mein Chef diese Flexibilität einräumt, dafür bin ich sehr dankbar.

Trotzdem verstehe ich das Home Office auch als Fluch. Früher war ich lieber im Büro, denn Dinge wie gemeinsames Mittagessen mit Kolleg:innen, kurze Flurgespräche über den neuesten Gossip oder ein kurzer Weg zum administrativen Personal usw. fehlen mir oft sehr. Gerade die Vernetzung mit Kolleg:innen gelingt mir im Home Office kaum, denn zu Zoom Gesprächen muss man sich mindestens halb formal verabreden und dann ist es trotzdem irgendwie distanziert. Daher bin ich froh, dass ich mit dem vielen Home Office erst angefangen habe, als ich schon PostDoc war. Diese Einschränkungen hätte ich ungern als Doktorand erlebt.

Aber der Fluch ist noch weitreichender. Weil ich zu Hause bin, bin ich auch für Privates zuständig, selbst wenn ich arbeite. Die Post klingelt und braucht dann eine Weile bis in den 4. Stock. Gleiches gilt für die Getränkelieferung. Meine Frau macht auch gerne mal eine Waschmaschine an, die ich doch dann problemlos zwischendurch aufhängen kann. Oder sie bittet mich darum, irgendwann vormittags schnell zur Post in der Nähe zu gehen, weil die doch sonst später zu hat. Anders gesagt, im Home Office steht bei mir schnell viel Privates an, zumindest schneller als im Büro. Und gerade weil ich mit Kind eh weniger zum Arbeiten komme, verfluche ich diese Überschneidungen gerne.

In der Summe überwiegt für mich aber der Segen. Gerade mit Kind empfinde ich die Flexibilität als ungemein gewinnbringend. Der Fluch verlangt nur, dass ich aktiver auf Kolleg:innen zugehe und eben selbst mehr darauf achten muss, die Arbeitszeit ablenkungsfrei zu nutzen. Das versuche ich durch Kontaktaufnahme mit Kolleg:innen vor Ort, dauerhafte Zoom-Verabredungen und Ignorieren der Türklingel so gut es geht. Hoffentlich fallen mir bald auch noch mehr Möglichkeiten ein.

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