Ich wollte schon länger einen Beitrag für diesen Blog einreichen, weil ich ihn selbst so gerne lese. Ich glaube, dass wir alle ein bisschen mehr von der Vielfalt der Lebens- und Arbeitsmodelle, die in der Academia existieren, mitbekommen müssen, damit jede:r herausfinden kann, was für sie oder ihn eigentlich gerade am besten passt. Mir fehlte bisher nur ein konkreter Aufhänger. Jetzt muss ich einem Professoren-Kollegen aus der Betriebswirtschaft danken, dass er mir den geliefert hat:
Ich sitze mit Kolleginnen und Kollegen am Mittagstisch in der Mensa. Seit ein paar Monaten bin ich Vertretungsprofessorin an einer Wirtschafts-Fakultät. Das bedeutet, ich habe alle Pflichten einer Professorin, aber ich darf mich nicht so nennen. Zum Glück habe ich schnell Anschluss gefunden, sodass wir jetzt zusammen essen und uns austauschen. Eine Doktorandin spricht über ihre Zweifel, ob sie ihre weitere Karriere im akademischen Bereich sieht. Sie sucht eigentlich Jobs in der Wirtschaft, war aber gerade auf einer Konferenz, die sie wieder so begeistert hat, dass es Zweifel in ihr gesät hat, ob das eigentlich das Richtige ist.
Ich erzähle von einem Projektpartner, der just ankündigte, seine PostDoc-Karriere zu beenden. Weil er nicht mehr schlafe und es ihm gesundheitlich sehr schlecht ginge, habe er entschieden, dass es ihm jetzt reicht – all das Pendeln, die ausgedehnten Arbeitszeiten, der ausbleibende Erfolg, das Gefühl, nie genug zu sein! Ich sage: „Er hatte einfach keine Lust mehr, 70 Stunden die Woche zu arbeiten“. Die Kollegin nickt, und auch ihr Vorgesetzter, jener Betriebswirtschafts-Prof. Jovial lächelnd beugt er sich zu mir rüber: „Ja, aber 70 Stunden kommt schon hin, oder?! Man will ja auch etwas erreichen“.
In mir schreit es! Ich schlucke, und sage, weil ich nicht mutig genug bin, den Professor direkt dazu anzusprechen, zur Kollegin gewandt: „ICH arbeite keine 70 Stunden“.
Weil es stimmt und weil ich ein System, das sowas für normal hält, falsch finde. Was das Ganze aber bei mir lostritt, ist ein riesiges Gedankenkarussell: Mein erster Gedanke – und das sagt schon viel aus – ist: „Aber ich kann das nicht, ich habe ein Kind“. Ich suche eine Entschuldigung, weil ich offenbar nicht genug tue. Dann: „Aber ich will das auch nicht, ich habe ein Kind UND ein Leben und möchte davon auch etwas haben“. Und ehrlicherweise sollte ich mein Kind weder als Entschuldigung noch Erklärung nehmen. Denn niemand sollte so viel arbeiten müssen, und das als selbstverständlich betrachten.
Aber parallel dazu formt sich schon ein weiterer Gedanke: Hat das hier gerade meine Chancen auf eine Stelle nach der Vertretungsprofessur, sollte es sie denn überhaupt geben, völlig sabotiert? Weil jetzt alle wissen, dass ich nicht die committete Superwoman bin, die alles für ihre Arbeit gibt? Wird das ans Dekanat weitergetragen, und wird man sich nach jemand anderem umschauen, der oder die mehr gibt, mehr dabei ist, die impliziten Anforderungen besser erfüllt?
Ich denke wir müssen aufhören, Privatleben als Konkurrenz zum Arbeitsleben zu sehen. Und die Verteilung von Zeit und Energie auf die beiden als Gradmesser für den Wert einer Person heranzuziehen. Ich hätte mir gewünscht, mutig genug gewesen zu sein, das in der Runde auch zu verbalisieren.
Ich bewundere all die tollen, leider häufig nur weiblichen Vorbilder, die ich habe, und die selbstverständlich zeigen und vorleben: “Ja, ich bin bei dem Zoom-Call dabei, aber gleichzeitig muss ich Abendessen machen. Ich bin erfolgreich und arbeite einfach trotzdem nur den halben Tag, weil ich noch dringende Besorgungen machen muss. Das ist mein Kind, und es turnt nun Mal gelegentlich im Hintergrund rum, wenn wir sprechen. Und das heißt nicht, dass ich meine Arbeit nicht liebe und nicht alles dafür gebe. Aber gesund und in Balance mit meinem sonstigen Leben und meinen sonstigen Rollen.”
Und ich bin so stolz, Teil eines Netzwerks aus Frauen mit und ohne Kinder zu sein, die sagen, dass sie die Nase voll von „70 Stunden“ haben. Die geben, was sie können, aber klare Grenzen setzen. Die wissen, dass es ungesund ist, bis zum Umfallen zu arbeiten, und es deswegen nur tun, wenn es WIRKLICH nicht anders geht. Die viel Flexibilität geben, aber dann auch ihre Vorteile nutzen. Die Wege, Lebenskonzepte, Jobs und Vorgesetzte suchen, die es ihnen ermöglichen, in der Wissenschaft zu arbeiten und sich dabei nicht völlig aufzugeben.
Ob es uns gelingt? Ich weiß es nicht. Wir sind alle noch in der späten Promotions- oder PostDoc-Phase. Ob das System uns möchte und braucht? Ich habe keine Ahnung. Aber ich wünsche es mir! Und wenn nicht, dann haben sie uns vielleicht einfach nicht verdient.